SZ-Bericht: mit Nachfahren in Dachau
Februar 2026
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„Es ist bewegend, dass sich mein jüdischer Körper hier sicher fühlt“
Süddeutsche Zeitung, 19. Februar 2026
Als die „Women in White“ vor dem Internationalen Mahnmal von Nandor Glid an der KZ-Gedenkstätte in Dachau ankommen, ist das für viele der jüdischen und deutschen Teilnehmerinnen ein besonderer Moment. (Foto: Jessica Schober)
In Weiß gekleidet wandern Frauen die Todesmarsch-Route in umgekehrter Richtung nach Dachau: Mit dabei sind Nachfahrinnen von KZ-Überlebenden aus den USA und von deutschen NS-Tätern.
Gemeinsam wollen die „Women in White“ Friedensarbeit leisten, die über Worte hinausgeht. Von Jessica Schober, Dachau Ein Kreis hat sich geformt. Ein Dutzend weiß gekleidete Frauen fassen sich an den Händen. Sie summen, die meisten haben die Augen geschlossen. Die Februarkälte kriecht unter ihre hellen Wollstulpen und Mäntel. Und doch strahlen sie etwas Friedvolles aus. Sie stehen vor dem Internationalen Mahnmal von Nandor Glid auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau. Ihre Körper frieren. Manche dieser Körper sind jüdisch. Sie stammen ab von Opfern des Nationalsozialismus. Manche dieser Körper sind deutsch. Sie stammen ab von ranghohen Nazioffizieren. Und doch reichen diese Frauen sich die Hände. 80 Jahre nachdem hier auf dem Appellplatz die Lagerinsassen strammstehen mussten, bis manche von ihnen tot umfielen. Katie Loncke erinnert sich an ein Zitat ihrer Großmutter: „Mit kalten Händen und warmen Herzen – so stehen wir hier“, sagt sie und lächelt mit einem gütigen Blick in die Runde.Katie Loncke ist zum ersten Mal in Deutschland, zum ersten Mal in Dachau. Ihr Großvater Emil Spitz war hier vor über 80 Jahren inhaftiert. Er überlebte die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald, Groß-Rosen, Dachau und schließlich auch den Todesmarsch bis ins bayerische Oberland. Seine Enkelin Loncke ist Jüdin, sie lebt in Sacramento, Kalifornien und sie ist Teil der Friedensbewegung „Women in White“. Gemeinsam mit drei weiteren US-amerikanischen und mehreren deutschen Frauen ist sie zu einer Wanderung aufgebrochen, die sie in die Vergangenheit und in die Gegenwart führt.
Mit ihrer Freundin Susanne Kraft, einer Trainerin für gewaltfreie Kommunikation aus Königsdorf im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, hat sie beschlossen: Sie wollen den einstigen Todesmarsch der Häftlinge – in kurzen Abschnitten – in umgekehrter Richtung abschreiten. Unterwegs treffen sie Zeitzeugen und spüren hinein: in die Last der intergenerationalen Traumata, in ihre Körper und vor allem in die Gemeinschaft dieser Frauen. „Umkehrung bedeutet hier für uns, in Anerkennung und Würdigung des geschehenen Leides einen vollständigen Richtungswechsel, eine Neuausrichtung zu wagen“, sagt Susanne Kraft. Sie nennen diese transatlantische Begegnung eine Schwesternschaft.
Susanne Kraft aus Königsdorf (links) und Katie Loncke aus Sacramento, Kalifornien, haben die Wanderung der „Women in White“ bis zur KZ-Gedenkstätte Dachau initiiert. (Foto: Jessica Schober)
Es ist keine Bildungsreise im klassischen Sinn, zu der die „Women in White“ angereist sind. „Wir wollen hier keinen Audio-Guide hören, der uns erklärt, wie viele Menschen an diesem Ort gestorben sind“, sagt Birgit Gündner auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte. Sie ist extra aus Stuttgart gekommen, um bei dem sechstägigen Projekt dabei zu sein. Es gehe ihr dabei „mehr ums Spüren“ denn um Informationsaustausch.
Doch was gibt es zu spüren an einem Ort wie diesem? Katie Loncke, die in Kalifornien als Intimitäts-Coach arbeitet, nimmt sich Zeit für eine Antwort. „Es fühlt sich wie ein Wunder an, dass wir uns in Liebe und Freundschaft mit Menschen von der anderen Seite verbinden können. Was mich ammeisten bewegt, ist die Zartheit, mit der uns deutsche Menschen begegnen. Sie zeigen ihre Tränen und ihre intergenerationalen Traumata.“ Viele von ihnen litten unter Depressionen, chronischen Krankheiten und mentalen Herausforderungen, bis sie realisierten, dass sie eine Wunde geerbt hätten, so Loncke. „Es ist bewegend für mich, dass sich mein jüdischer Körper hier sicher fühlt unter all diesen deutschen Körpern.“
Die Geschichte von Lonckes Großvater sitzt ihr wortwörtlich in den Knochen. Emil Spitz habe über sieben Jahre hinweg mehrere KZs überlebt, weil er Automechaniker war, erzählt seine Enkelin. „Seine Fähigkeiten machten es nützlicher, ihn am Leben zu lassen. Seine Mutter und zwei seiner Geschwister wurden von den Nazis getötet.“ Emil Spitz wurde 1945 auf einem der Todesmärsche auch durch Königsdorf getrieben, jenen Ort, in dem ihre Freundin Susanne Kraft heute lebt. Deshalb begannen sie dort ihre gemeinsame Wanderung Richtung Norden.
Zu Beginn habe sie sich dabei „leicht im Herzen gefühlt“, erzählt Loncke. „Wir können so froh sein, dass wir die Nachkommen von Überlebenden sind. Unsere Herzen von Hass und Schmerz befreien zu können, ist ein großes Glück.“ Als sie dann aber tatsächlich den Boden der Gedenkstätte betreten habe, sei eine riesige Welle von Trauer über sie gekommen – sie hieß alle Gefühle willkommen. Es sei eine Sache, von der eigenen Familiengeschichte zu hören. Aber es sei nochmal eine ganz andere Sache, „sie in unseren Körpern zu fühlen“, sagt Loncke. Dafür brauche es eine bestimmte Art von Training, um all das wahrnehmen zu können, was sonst von Intellektuellem überlagert werde. Loncke meditiert und praktiziert Buddhismus seit bald 20 Jahren und arbeitet in ihrer Praxis mit somatischen Übungen.
Besonders, als Loncke und die anderen Frauen sich vor dem Internationalen Mahnmal von Nandor Glid versammelten, habe ihr Nervensystem einen Schock erlebt, erzählt sie später. Die Skulptur erinnerte sie stark an die Kunstwerke von Maisara Baroud, eines palästinensischen Überlebenden aus dem Gaza-Krieg. Dass Loncke als Jüdin die KZ-Gedenkstätte mit einem Palästinensertuch um den Schultern betritt, mag für manche Außenstehende eine Provokation sein, für sie ist es ein Zeichen der Menschlichkeit. Der Krieg in Gaza beschäftigt und bewegt die US-Amerikanerin.
Sie will sich daran erinnern, dass sie frei ist Auch eine der deutschen Teilnehmerinnen der „Women in White“ ist geprägt von der Geschichte ihres Großvaters, eines NS-Täters. Die Starnbergerin Ariane von Hofacker ist die Enkelin eines Obersturmführers der Waffen-SS. Bis zu seinem Tod sei ihr Großvater Ernst Kroeger ein überzeugter Nationalsozialist gewesen, erzählt Hofacker. Vor der Begegnung mit den jüdischen Frauen habe sie Angst gespürt und sich gefragt, wie Verzeihen gelingen könnte. Ob eine, wie sie es nennt, „unmögliche Freundschaft“ daraus entstehen könnte. „Dann wurde mir bewusst, dass es dieselben Menschen sind, denen wir zu verzeihen haben – auch wenn wir aus unterschiedlichen Richtungen kommen. Das war sehr erleichternd für mich“, sagt Hofacker. Mit dem historischen Vermächtnis ihres Großvaters hatte Hofacker sich bis dahin eingehend beschäftigt und Akten gewälzt. „Auf der Wanderung habe ich gemerkt, dass ich das Thema immer sehr rational angegangen bin und mir nie erlaubt habe, die Trauer und Scham dahinter auch wirklich zu fühlen.“
Wenn die Jüdin Katie Loncke beschreiben soll, was sie in ihrem Körper so alles spürt, dann benennt sie eine Kurzatmigkeit, einen Drang, davonzulaufen und sich zu verstecken oder einen Impuls zu kämpfen. „Es können Angst-Reaktionen oder Taubheitsgefühle heraufkommen, obwohl es keine aktuelle Bedrohungslage gibt in diesem Moment“, sagt Loncke. Wichtig sei zu begreifen, wie Traumata im Körper wirken. „Wir können uns bewegen und laufen anstatt in Stille zu verharren. Wir können weinen, ganz ohne Scham, und einander in den Arm nehmen. Wir können summen und uns gegenseitig ko-regulieren. Es gibt so viele Tools, die hilfreich sein können für die Heilung. Wir können unsere Körper daran erinnern, dass sie frei sind.“
LAUF´ NICHT, GEH´ LANGSAM: Du mußt nur auf dich zugehn! Geh´ langsam, lauf´ nicht, denn das Kind deines Ich, das ewig neugeborene, kann dir nicht folgen! Juan Ramon Jimenez |
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